








Cindy und Buddy verstanden sich prima. In jeder Hand ein Hund, war mein Motto und das passte ganz gut.
Im Frühjahr 2011 fuhr ich in das Waldtierheim nach Celle. Ich hatte eine Frage in Bezug auf einen Hund, mit dem ich gerade trainierte. Mein Blick wanderte wie automatisch in den Auslauf, in dem gerade ein größerer und ein mittelgroßer, weißer Hund tobten. Toben wäre bei dem weißen Hund das verkehrte Wort. Er humpelte durch das Freilaufgehege. Nun erblickte ich auch die Tierheimleiterin und fragte sie: "Was ist das denn für Einer?" Heidi antwortete: "Das ist Rocky. Kommt aus Spanien. Wurde wie so oft bei den Spaniern als Kinderspielzeug angeschafft. Als er von einem Auto angefahren wurde, wollte die Familie den Kosten der Operation ausweichen und haben ihn zur Tötung in ein Shelter gebracht. Naja, jetzt ist er durch einen Tierschutzverein hier gelandet."
Ich hatte nur zwei Hände und bereits zwei Hunde ... aber zählt denn so ein humpelndes Etwas als vollwertiger Hund? Ach, den kriege ich auch noch durch, dachte ich mir. Dieser Hund hatte schon längst mein Herz erreicht. Es kam, wie es kommen musste und schließlich nahm ich Rocky mit zu mir nach Hause. Er war wenige Monate alt. Ein junges Energiebündel mit reichlich Blödsinn im Kopf.
Wenige Tage später fuhr ich ohne meine Hunde nach Hamburg. Geschäftsleute hatten mich auf ein zweitätiges Event eingeladen. Die Versorgung der Hunde übernahm meine Mutter. Bereits am nächsten Morgen rief sie mich an und berichtete, dass Rocky wie ein Irrer alles verwüstete. So brach ich das Treffen ab und fuhr nach Hause. Meine Mutter hatte nicht übertrieben. Rocky hatte das Wohnzimmer "liebevoll" umdekoriert. Er selbst schien der Einzige zu sein, der sich daran richtig erfreute.
Rocky war durch sein Aussehen schon immer etwas gehandicapt. In einigen Bundesländern Deutschlands wäre er ein sogenannter Listenhund. Aber auch hier würden ihn manche als Kampfhund bezeichnen. War er nun ein Kampfhund und eventuell sogar gefährlich? Zu diesem Zeitpunkt war mein Wissen noch sehr überschaubar. So bat ich eine Hundetrainerin, die damals die größte Hundeschule des Landkreises betrieb, um eine Einschätzung. Wenige Stunden später trafen wir uns auf ihrem Hundeplatz. Rocky lief über den Platz. Ich fragte die Trainierin, ob sie der Meinung sei, der Hund ist gefährlich und ich ihn lieber zurück ins Tierheim bringen solle. Ohne den Hund auch nur im Ansatz zu testen, nickte sie.
Mir fiel es nicht leicht, aber ich fuhr mit Rocky zurück ins Tierheim. Dort erzählte ich Heidi von den Vorfällen. Heidi war ruhig und gefasst. Sie sagte zu mir: "Dann bring ihn mal zurück in seinen Zwinger."
Bereits auf der Rückfahrt fühlte sich mein Handeln falsch an. Sehr falsch. In der kommenden Nacht hatte ich heftige Albträume und war froh, endlich aufzuwachen. Diese Nacht war aber auch sehr wichtig für mich, hatte ich eine Sache gelernt:
Einen Hund, dem ich mein Wort gegeben habe, dass er bei mir leben darf, kann ich unmöglich wieder zurückgeben, wie eine Ware, die einem vielleicht nicht passt oder gefällt ! ! !
Also rein ins Auto und wieder zum Tierheim. Ich erzählte Heidi vom Geschehenen. Heidi war erneut sehr ruhig und sehr gefasst. Sie sagte dann zu mir: "Nein, Rocky bekommst Du nicht wieder. Rocky ist kein Computer. Ein Hund ist ein Lebewesen. Es geht nicht, dass Du Rocky mitnimmst und weil Du mit ihm nicht fertig wirst, ihn nicht verstehst oder ihn nicht händeln kannst, hier wieder abgibst und am nächsten Tag ihn wieder mitnehmen willst. Das geht einfach nicht."
Ich war den Tränen nahe. "Ich habe meine Lektion gelernt, Heidi. Bitte gib uns noch eine Chance", flehte ich. Natürlich wusste ich, dass Heidi Recht hatte. Jetzt wusste ich das.
Während unseres Gesprächs, hörte ich fortlaufend ein Heulen aus Richtung der Zwinger.
"Sag mal Heidi, wer heult denn da die ganze Zeit", fragte ich. "Das ist Dein Rocky. Der heult schon die ganze Nacht. Der vermisst sein Rudel, sagte sie. Und dann kam der erlösende Satz: "Geh und hole ihn Dir." Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, ging zu den Zwingern, holte meinen Rocky, der sich halb überschlug, als er mich sah, bedankte mich etliche Male bei Heidi und fuhr mit meinem Rocky nach Hause.
Ich war so geschafft und energielos, dass ich mich auf´s Sofa legte. Ich übertreibe nicht in dem, was ich jetzt beschreibe: Mein weißer Mann legte sich auf meinen Bauch und wir schliefen in dieser Position bestimmt vier Stunden :- )
Die nächsten Jahre sind schnell erzählt. Rocky machte mir unglaublich viel Freude. Er war sehr gelehrig und solch einen Hund in eine Rasseliste zu werfen, ist wohl der größte Quatsch der Welt. Ohne Operation verschwand das Humpeln und durch mein sich vermehrendes Wissen war es nun überhaupt kein Problem, meinem kleinen Freund ein guter Sozialpartner zu sein.
Vor etwa zwei Jahren bemerkte ich die ersten Anzeichen, die ich damals noch gar nicht so gut einordnen konnte, die aber darauf hindeuteten, dass mit Rocky etwas nicht stimmt. Er verlor deutlich an Gewicht. Das Futter wurde angepasst, aber wirklich ändern tat sich nichts. Der Stoffwechsel schien nicht gut zu sein. Einige Zeit später wuchs ihm eine Art "Einhorn" auf der Nase. Die Tierärztin stellte dann noch zusätzlich fest, dass der Stellreflex der Hinterpfoten nicht optimal vorhanden ist. Das Gehör wurde schlechter und obendrein sah er nicht mehr gut. Massive Inkontinenz kam nun auch noch dazu. Aufgrund der Gesamtsituation und des Alters von nun 15 Jahren lehnten die Tierärztin und ich eine Sedierung meines Hundes ab. Das "Einhorn" blieb und wuchs langsam und stetig.
Nur mit dem Hundepapa kuscheln ... das ging wie eh und je. Nach dem Kuscheln war jetzt das Bettzeug so ziemlich jedesmal verdreckt. Wozu gibt´s Waschmaschinen?
Rocky´s Gangbild wurde immer schlechter. War der Stellreflex anfangs nur an den Hinterpfoten schlecht, hatte er nun diesen Reflex an allen vier Pfoten fast gar nicht mehr. Er sackte in immer kürzeren Abständen zusammen. Seinen Kopf trug er tief. Doch er fraß und trank und wenn ich das Haus verließ, wollte er mit. Und ich nahm ihn mit. Sehr oft.
Am vergangenen Freitag musste ich für wenige Stunden das Haus verlassen. Als ich wiederkam, lag Rocky auf den Fliesen. Regungslos. Ich richtete ihn auf. Seine komplette rechte Seite war nicht mehr weiß. Ein Sud aus allen möglichen Körperflüssigkeiten färbten sein Fell in die Farbe braun. Nun ab zum Duschen. In der Dusche brach mir mein Rocky zweimal zusammen. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Nach dem Abtrocken bettete ich ihn in ein weiches Tuch.
Nun wird´s eng, dachte ich. Mit der Tierärztin verabredete ich für den kommenden Montag einen Termin für den Hausbesuch. Den Termin!
Die verbleibende Zeit nutzten Rocky und ich intensiv. Er bekam alles erdenklich Gute. Parallel wurde ein neues, spezielles orthopädisches Hundekörbchen besorgt. Die Stunden vergingen immer schneller. Ich gab ihm starke Schmerzmittel. Diese schienen ihre Wirkung verloren zu haben. In der Nacht von Sonntag auf Montag war er besonders unruhig. Auf der Seite liegend und soweit er konnte, kratzten seine Pfoten an das Körbchen, so dass er sich im Körbchen drehte und immer mal wieder fast heraus fiel. Ich kam in dieser Nacht eigentlich gar nicht zum Schlafen. Am Morgen des Montags wurde er etwas ruhiger. Wir teilten uns einen Apfel und auch einem leckeren Leberwurstbrot, konnte er nicht widerstehen. Völlig übermüdet legte ich mich auf´s Bett. Es rumpelte. Ich öffnete meine Augen und neben dem Bett stand mein Rocky. Er lehnte sich an den warmen Heizkörper, damit er nicht umfiel. Ich hob ihn in mein Bett und er kuschelte sich an meine Seite. So lagen und schliefen wir drei Stunden. Als ich aufwachte, sah er mich an. Es sind immer diese Augen ...
Vorsichtig legte ich ihn in sein neues Körbchen. Mein Bett war von Rocky´s Inkontinenz verdreckt. Shit happens. Ich suchte mein Handy. Es wird wohl kurz vor sechs sein, dachte ich. Es war bereits 18.08 Uhr. Und genau jetzt traf die Tierärztin ein. Ich bat sie herein. Die Tierärztin war sehr freundlich, erklärte mir alles, auch das Rocky nun in dem Stadium ist, wo man ihn gehen lassen muss. Jeder weitere Tag hat nichts mehr mit Tierliebe zu tun. Das war mir bewusst.
Rocky legte seinen Kopf auf meine Hand. Ich streichelte ihn, küsste ihn und versprach ihm, dass er gleich keine Schmerzen mehr haben würde. Sein Kopf war erst feucht, dann von meinen Tränen durchnässt. Rocky schlief ganz ruhig und friedlich in meinem Arm ein. Jedes Mal, wenn ich einen meiner besten Freunde, einen meiner Hunde, gehen lassen muss, reißt mir das ein Stück meines Herzens heraus. Ich habe Rocky, meinem besten Freund, gerne ein Stück meines Herzens mitgegeben. Die Tierärztin stellte den Tod meines Hundes fest und bekräftigte noch einmal, dass es eine gute Entscheidung gewesen ist. Nachdem die Tierärztin das Haus verlassen hatte, ging ich zurück zu meinem Freund. Der Körper war warm und sein Fell weich. Die Augen geschlossen.
Am heutigen Dienstag habe ich meinen Rocky begraben. Wissend, dass ich Dich nie wieder sehen werde, raubt mir das den Verstand.
Mein lieber Rocky, ich habe Dir versprochen, dass ich für Dich da bin, was immer auch geschehen wird. Ich hoffe so sehr, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich würde mich so sehr freuen, wenn wir uns eines Tages wiedersehen. Nimm liebe Grüße mit an Cindy, Buddy, Ben und auch an Rocky I, den Du noch nicht kennen gelernt hast.
Auch Du, lieber Rocky, hast dazu beigetragen, dass ich das wurde, was ich jetzt bin.
Ich werde Dich niemals vergessen, die wunderschöne Zeit mit Dir und alles, was wir erlebt haben. Ganz besonders vergesse ich nicht Deine Augen. Es sind doch immer die Augen ...
Mach's gut, mein lieber Freund.
Dein Hundepapa
Rocky, der tapfere Spanier:
Geboren am 20.11.2010.
Gestorben am 19.01.2026.